Fortsetzung, 2. Tag in Tunesien
Die Ankunft im Hafen von Tunis verlief wie erwartet vollkommen chaotisch. Alle wollten natürlich gleichzeitig vom Schiff und die Gänge hinunter zu en Parkdecks waren schon eine Stunde vor Ankunft gestopft voll mit Menschen und Gepäck. Es gab dabei aber viel Gelegenheit zum Kennenlernen. Noch während die letzten ihre Autos suchten, starteten die Schnelleren bereits ihre Motoren und versuchten bereits im Rumpf zu drehen. Man hatte die Fahrzeuge sinnigerweise so einsortiert, dass man entweder rückwärts zum Heck fahren musste, was natürlich nicht ging, weil niemand wegen der maßlosen Beladung und der inzwischen beschädigten oder ganz fehlenden Rückspiegel etwas sehen konnte. Also drehen. Dadurch wurde alles noch viel schlimmer. Hinter mir ging bald nichts mehr. Trotzdem wollte die Dame vor mir, also die ohne Handbremse, gar nicht aufhören zu hupen. Ihre Kinder krakeelten sich dabei die Kehle aus dem Hals. Als ich zu ihr vorging und sie bat, doch damit aufzuhören, lachte sie freundlich und nickte, machte aber weiter mit dem Unsinn. Offensichtlich hatte sie Spaß daran und das Schreien der Kinder war pure Freude. Na bitte, von mir aus.
Endlich hatte sich die italienische Crew durchgekämpft und dirigierte. Es wurde noch schlimmer. Voller Wehmut dachte ich zurück an meine zahlreichen Fährfahrten auf den Philippinen und wie glatt es dort stets vonstatten ging.
Nach einer geschlagenen Stunde in der Gaskammer wurde es immer ruhiger und ich befürchtete schon Schlimmes. Plötzlich löste sich der Knoten wie von selbst und ich stand fast allein noch da, mit der hupenden Dame ohne Handbremse vor mir. Die ließ ich aber mal schön warten und nahm mir meine Zeit. Die zornige Crew machte null Anstalten, mir zu helfen. Wie gut, dass meine Spiegel so hoch angebracht und noch heile waren und ich zwei rückwärtige Kameras eingebaut hatte.
Die frische afrikanische Luft am Hafen war eine Erleichterung. Mit klarem Kopf ignorierte ich sämtliche Dirigenten und fuhr dorthin, wo ich die Erledigung der Zollformalitäten vermutete. Ich hatte ja schon alles ausgefüllt und war der Hoffnung, dass ich jetzt schneller sein würde als die Anderen. Weit gefehlt. Meine Zettel wollte niemand sehen. Stattdessen bekam ich fast identische ausgehändigt, zum erneuten Ausfüllen. und dann nochmal, und dann noch einmal. Inzwischen kannte ich meine Reisepassnummer und die Fahrgestellnummer, Tag der ersten Zulassung etc. auswendig und es ging ganz flott von der Hand. Ich hatte auch gelernt, dass mein grüner Fahrzeugschein hier eine "Carte Grise" war. Und die Grüne Versicherungskarte war eigentlich blau. Es ging immer wieder kreuz und quer übers Hafengelände von einem Beamten zum anderen, immer wieder das gleiche Spiel mit ähnlichen Formularen, die stets andere Farben hatten. Vorsichtshalber hatte ich mir auf dem Beifahrersitz eine Kiste festgemacht, die sich nun langsam mit bunten Papieren füllte. Die Tanknadel wurde langsam nervös.
Und jedesmal bedeutete man mir verheißungsvoll, das dies jetzt alles wäre, ich müsse nur noch dort drüben hinfahren und da wüsste man schon Bescheid. Denkste. Meinen Vorsatz, mir alle die notwendigen Schritte zu merken, um sie dann hier für ggf. interessierte nachfolgende Tunesienbesucher aufschreiben zu können, ließ ich bald fallen. Denen kann ich hier nur eines sagen: Kopf hoch! Irgendwann war ich mit allem durch, fehlte nur noch der Zoll. Ich wurde blöderweise in eine Halle geleitet, die nur für die Abfertigung von Kleintransportern reserviert war. Man hatte mich in dem Sprinter wohl auch dafür gehalten. Da stand ich plötzlich inmitten von wenigstens 50 Transits, Jumpern, Uralt-Sprintern und sonstigen Frachtern, die alle ihre Klamotten hinter das Fahrzeug zur Inspektion ausgepackt hatten. Und die hatten echt viel geladen. Der Platz des ausgeladenen Gedöns reichte kaum hin. Ich wurde zwar mehrfach aufgefordert es den anderen gleich zu tun und alles (!) auszuräumen, weigerte mich aber stumm. Ein dummes Gesicht zu machen hatte ich inzwischen gut gelernt. Insgesamt kamen mich vier Generationen von Douaniers besuchen, die jedesmal die selben Fragen an mich stellten. Man besah sich den Wagen und hatte wieder großes Interesse am Innenausbau. Très belle. Hier wiederum das merkwürdige Interesse an meinem winzigen Heizlüfter. Ich kann jedem Schmuggler nur anraten, mindestens einen Heizlüfter mit nach Tunesien zu bringen. Der zieht die frierende Obrigkeit magisch an sie übersieht dann alles andere. Warum schaut denn niemand mal richtig nach, so wie ein echter Zöllner es gelernt hat, und erwischt mich dabei, dass ich verbotenerweise 15 Liter besten sizilianischen Rotwein im Schrank gebunkert habe? Warum ich nicht ausladen würde, ich solle damit jetzt aber mal anfangen. Meine Antwort war dann immer: Non, je suis un touriste. Das sind alles meine effects personnel. Ja was ich hier denn dann überhaupt zu suchen hätte, hier würden doch nur die Commerçants überprüft. Die Touristen wären doch alle dahinten und schon fertig. Ich hatte aucune idee. Wahrscheinlich war ich nur dort, um mich bestens mit meinen Nachbarn zu unterhalten, die einen aus Algerien, wohin sie noch in der Nacht weiterfahren wollten, die anderen bis weit in den Süden des Landes. Alle erzählten mir hinter vorgehaltener Hand, dass dies hier alles Räuber seien und die Mafia. Viel Getuschel zwischen Zöllnern und den Ausgelieferten im Halbschatten zwischen ihren Autos schien das zu bestätigen. Man kam ja auch nicht raus, war zugeparkt und zugepackt und musste sich den Weg wieder hinaus erkaufen. Irgendwann, nach sechs Formularen kam dann Le Grand Chef zu mir um meine Graue Karte, also meine grüne deutsche Zulassung einzufordern und entschwand damit im Getümmel. Ich lief ihm hinterher und wollte sie wieder zurück fordern. Ich solle mich doch bitte noch etwas gedulden. Ein noch viel größerer Chef müsse erst vom Essen zurück sein, und dann sehe man weiter.
Ich hatte immer noch nichts ausgepackt. Oder gegessen, fiel mir dabei auf.
Der Ober-Ober-Chef erschien dann endlich mürrisch und kritzelte irgend etwas vermutlich Sinnloses hinten auf einen der vielen Zettel, die ich alle in der Kiste hatte und verschwand nach zehn Sekunden wieder, ohne mit mir zu sprechen oder michauch nur eines Blickes zu würdigen. Ma Carte Grise? Schlichtes Schulterzucken. Ich habe sie aber wieder gefunden. Ein Unterchef hatte sie zusammen mit vielen anderen in seiner Uniformjacke. Andere mussten dafür etwas bezahlen, das habe ich wohl gesehen, ich aber nicht.
Dann war ich abgefertigt und hätte fahren können, wenn da nicht noch alle anderen armen Teufel um mich herum gewesen wären, die ja noch alles ausgepackt hatten. Und so weiter und so weiter. Die Algerier neben mir waren dann auch fertig und konnten wieder einpacken, haben es aber nicht sofort geschafft, alle Klamotten in ihren rostigen Transit zurück zu stopfen. Die hatten sogar eine Parkkralle dabei, die immer wieder runterfiel. Nach vielen vergeblichen Versuchen und Zuknallen gaben schließlich die Scharniere der Heckklappe ihren Geist auf und der Transit sah irgendwie aus als hätte er dicke Backen bekommen. Zum Glück hatten sie eine Rolle durchsichtiges Klebeband dabei, also ein etwas besserer und breiterer Tesafilm. Ich war beeindruckt, wie toll das auf einem durchgerosteten und vollkommen verdreckten Transit hält. Das lege ich mir jetzt auch zu.
Nachdem der Transit dann schön zugeklebt war, konnten erst sie, und dann ich aus der Halle fahren. Völlig euphorisch wollte ich nun das Zollgelände schnell verlassen. Aber man ahnt es schon. Es waren noch genau zwei Stationen abzuarbeiten, die beide aber exakt und genau das gleiche erledigen mussten, nämlich mir das Permit de Conduire, also eine Art Carnet de Passage auszustellen. Dabei wurden alle die Papiere, dich ich in der Kiste hatte und von denen immer wieder behauptet wurde, dass ich sie auf keinen Fall für die Gesamtdauer meines Aufenthaltes in Tunesien verlieren sollte, komplett eingesammelt. Stattdessen erhielt ich nun zwei vollkommen unleserliche Ausdrucke aus einem Nadeldrucker ausgehändigt, die ich auf keinen Fall verlieren solle, und zwar für meinen gesamten Aufenthalt in Tunesien. Je te donne trois mois, ok? Das klang irgendwie nach einem Urteilsspruch. Na gut, musste ich ja wohl akzeptieren. Bonne route et aurevoir!
Ich habe es natürlich nicht glauben wollen, dass dies nun wirklich die letzte Station sein konnte, aber nachdem der allerletzte Polizist am Tor sich dann noch einmal die beiden Papiere zeigen lies, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass ich sie noch nicht verloren hatte, war es dann soweit und ich wurde in die afrikanische Wildnis entlassen.
Nun wollte ich endlich los und raus aus dem Hafen, wenigstens bis nach Hammamet, wo ich mir einen Stellplatz ausgesucht hatte.
Um aber wenigstens die ersten 20 Kilometer über die Autobahn fahren zu können, brauchte ich tunesische Dinare, denn soviel wusste ich, dass an der Peàge nur mit Bargeld bezahlt werden kann. Folglich musste doch nach Tunis rein und einen Geldautomaten finden. Mein Handy sollte mich da eigentlich gut hinführen können. Für das Navi konnte ich mir in Deutschland keine Karten für Tunesien laden, gab's keine. Also hatte ich mir ein paar Programme zur Offline-Navigation gekauft und auf's Handy geladen.
Rechts ran und Handy eingeschaltet, Datenroaming und mobile Daten ausgeschaltet und alle Apps durchprobiert. Nichts funktionierte. Dann ging die Tastatur nicht mehr. Ich konnte also nichts eintippen. Und das GPS war auch nicht mehr zu aktivieren. Und ständig poppten irgendwelche Fehlermeldungen auf. Datenroaming und mobile Daten wieder eingeschaltet, nichts. Dann ging es ganz aus. Na toll. Das Fahrzeugnavi zeigte mir eine Position irgendwo im Meer an. Das habe ich schnell wieder ausgeschaltet, damit von dort keine Häme kommen konnte. Also back to the roots und den Kompass aus dem Handschuhfach geholt, kurz orientiert und aufs Armaturenbrett gelegt. So bin ich dann in bewohnte Gegenden gelangt, denn zwischen dem Hafen und Tunis ist nichts. Der erste Geldautomat sprach nur Arabisch, der zweite konnte französisch und hat mir einen Packen Dinare spendiert. Keine Ahnung wieviele, waren alles sehr dreckige Scheine. Damit, und per Kompass weiter nach Südosten, bis die ersten Schilder nach Hammamet auftauchten und mich auf die Autobahn führten. Mittlerweile beschwerte sich die Tankuhr aber echt. Ich hatte in Palermo zwar noch für einen Zehner getankt, wollte nicht volltanken, um vom billigen Diesel hier zu profitieren, aber nach dem ganzen Herumgurken waren die paar Liter wieder futsch. Ich hatte aber Glück. Kurz vor der Auffahrt auf die Autobahn war da eine Tanke mit zwei glücklichen Warten, die mir den kompletten Tank für umgerechnet knapp 30€ gefüllt haben. Jetzt war es bis nach Hammamet leicht, nur unterbrochen von einzelnen Müdigkeitsanfällen, und verminderter Geschwindigkeit von 60Km/h, kannte die Verhältnisse ja nicht und wollte jetzt unter keinen Umständen einen Platten riskieren. Da lagen Bretter und Zeugs auf der Autobahn rum, die auch noch sehr wellig war. Aber ich kam ja gerade vom Schiff und da passte das irgendwie schon.
Die Lage des Stellplatzes konnte ich noch ungefähr in Erinnerung bringen, denn ich hatte mir alles gut vorher von oben angeschaut. Die erste Ausfahrt nach Hammamet war die falsche, wieder auf die Bahn, die zweite wäre richtig gewesen, habe sie aber aus Müdigkeit und wegen fehlender Beleuchtung total übersehen und musste dann noch mal zurück. Das waren nochmal 45 Km umsonst. Irgendwann hatte ich es dann und stand um 23 Uhr vor dem Hotel Samaris, das auch einen Campingplatz dahinter betreibt. Aber alle Schotten dicht. Ich habe gehämmert und geklopft, bis irgendwann ein vollkommen betrunkener Nachtwächter mit knallroten Augen aus dem Dunkel erschien und mich sofort herzlich umarmte. Mein Freund, meinte er, endlich bist du da (woher kannte er mich und wusste, dass ich hierhin wollte?), wollte sich nicht mehr von mir lösen und hat mich mit seinen Ausdünstungen fast erstickt. Nach mehreren Versuchen schaffte er es später, den zweiten Flügel des Tores zu öffnen, aber erst nachdem ich ihm durch ganz nahes Heranfahren klar gemacht hatte, dass der Wagen unmöglich durch die eine Öffnung von der Größe einer Haustür passen würde. Ich fuhr also durch die wirklich schöne Gartenanlage mit Olivenbäumen und Orangensträuchern im Standgas hinter ihm her. Es machte immer Plopp, wenn ich die überall herumliegenden Apfelsinen zum Platzen brachte. Dann hatte er sich verlaufen, war klar, und wir mussten wieder umkehren. Ich kannte mich inzwischen ganz gut aus und habe ihn einfach überholt. Seine Versuche, dann wieder an mir vorbeizueilen, scheiterten an schlechter Beinarbeit und endlich holte er mich doch ein, wo ich dachte dass es ein guter Platz für den Sprinter sei. War es auch. Da war er sehr glücklich und wollte mich wieder herzen aber ich war schneller und bin ihm ins Fahrhaus entwischt.
Am folgenden Tag habe ich die Gegend erkundet und mir alles im Hellen angesehen. Das Samaris liegt direkt an einem Kreisel und alles kreiselt herum, Menschen, Autos, Taxis, Busse, Mofas, Kinder, Bettler, Straßenhändler. Viele kleine Läden an den Straßenseiten, in denen man alles kaufen kann. Also für mich erst einmal ein billiges aber tolles chinesisches Smartphone und gleich daneben auch die passenden SIM-Karten für meinen Router. 25 GB pro Monat für 22 Dinare. Schnell zurück und eingerichtet. Ich bin wieder online in weniger als einer Stunde. Dann weiter, den ganzen Sack Wäsche zur Waschfrau, die ihre Dienste neben der Moschee anbietet. 22 Dinare. Dann zur Tanke am Kreisel, an der ich jedesmal vorbeilaufen musste. Dort haben sie eine Art Waschanlage. Ja, man hat Zeit, und ich habe gleich den Sprinter rüber geholt, der vom vielen Schlamm in Sizilien aussah wie eine Nilsau. Ich durfte derweil im Straßencafe zuschauen, wie die zwei Jungs ihn wunderschön eingeseift und abgewaschen, dann noch blank poliert haben. Kostet 22 Dinare. Was ist hier bloß los? Kostet denn alles 22 Dinare? Dann zum Eisenwarenhändler, einen neuen Riegel für die Tischarretierung gefunden. Kostet 2 Dinare. Na also. Serie gebrochen. Dann einen Ziegenburger, kostet 2 Dinare. Dann noch einen Kaffee. Kostet 1 Dinar. Jetzt wird's billiger. Dafür fängt es an zu nieseln, und ich fühle mich nun erst richtig wohl. Alle Touristen sind bestimmt am Strand von Hammamet, der sehr schön sein soll, interessiert mich gar nicht. Ich suhle mich im Dampf des Asphalts, der vor den Autowerkstätten schwarz vom Altöl ist und vor den kleinen Restaurants vom Hühnerfett glitscht. Dazu eine warme Cola, besser geht's nicht. Der Muhezzin ruft mich irgendwann zu Bett und ich versuche den Bürgersteig zu benutzen, den seinen Namen zu Recht verdient hat, weil man darauf immerzu über alles mögliche steigen muss.
Morgen hole ich meine Wäsche ab und fahre weiter in die geheimnis- und verheißungsvolle afrikanische Ferne.
Endlich hatte sich die italienische Crew durchgekämpft und dirigierte. Es wurde noch schlimmer. Voller Wehmut dachte ich zurück an meine zahlreichen Fährfahrten auf den Philippinen und wie glatt es dort stets vonstatten ging.
Nach einer geschlagenen Stunde in der Gaskammer wurde es immer ruhiger und ich befürchtete schon Schlimmes. Plötzlich löste sich der Knoten wie von selbst und ich stand fast allein noch da, mit der hupenden Dame ohne Handbremse vor mir. Die ließ ich aber mal schön warten und nahm mir meine Zeit. Die zornige Crew machte null Anstalten, mir zu helfen. Wie gut, dass meine Spiegel so hoch angebracht und noch heile waren und ich zwei rückwärtige Kameras eingebaut hatte.
Die frische afrikanische Luft am Hafen war eine Erleichterung. Mit klarem Kopf ignorierte ich sämtliche Dirigenten und fuhr dorthin, wo ich die Erledigung der Zollformalitäten vermutete. Ich hatte ja schon alles ausgefüllt und war der Hoffnung, dass ich jetzt schneller sein würde als die Anderen. Weit gefehlt. Meine Zettel wollte niemand sehen. Stattdessen bekam ich fast identische ausgehändigt, zum erneuten Ausfüllen. und dann nochmal, und dann noch einmal. Inzwischen kannte ich meine Reisepassnummer und die Fahrgestellnummer, Tag der ersten Zulassung etc. auswendig und es ging ganz flott von der Hand. Ich hatte auch gelernt, dass mein grüner Fahrzeugschein hier eine "Carte Grise" war. Und die Grüne Versicherungskarte war eigentlich blau. Es ging immer wieder kreuz und quer übers Hafengelände von einem Beamten zum anderen, immer wieder das gleiche Spiel mit ähnlichen Formularen, die stets andere Farben hatten. Vorsichtshalber hatte ich mir auf dem Beifahrersitz eine Kiste festgemacht, die sich nun langsam mit bunten Papieren füllte. Die Tanknadel wurde langsam nervös.
Und jedesmal bedeutete man mir verheißungsvoll, das dies jetzt alles wäre, ich müsse nur noch dort drüben hinfahren und da wüsste man schon Bescheid. Denkste. Meinen Vorsatz, mir alle die notwendigen Schritte zu merken, um sie dann hier für ggf. interessierte nachfolgende Tunesienbesucher aufschreiben zu können, ließ ich bald fallen. Denen kann ich hier nur eines sagen: Kopf hoch! Irgendwann war ich mit allem durch, fehlte nur noch der Zoll. Ich wurde blöderweise in eine Halle geleitet, die nur für die Abfertigung von Kleintransportern reserviert war. Man hatte mich in dem Sprinter wohl auch dafür gehalten. Da stand ich plötzlich inmitten von wenigstens 50 Transits, Jumpern, Uralt-Sprintern und sonstigen Frachtern, die alle ihre Klamotten hinter das Fahrzeug zur Inspektion ausgepackt hatten. Und die hatten echt viel geladen. Der Platz des ausgeladenen Gedöns reichte kaum hin. Ich wurde zwar mehrfach aufgefordert es den anderen gleich zu tun und alles (!) auszuräumen, weigerte mich aber stumm. Ein dummes Gesicht zu machen hatte ich inzwischen gut gelernt. Insgesamt kamen mich vier Generationen von Douaniers besuchen, die jedesmal die selben Fragen an mich stellten. Man besah sich den Wagen und hatte wieder großes Interesse am Innenausbau. Très belle. Hier wiederum das merkwürdige Interesse an meinem winzigen Heizlüfter. Ich kann jedem Schmuggler nur anraten, mindestens einen Heizlüfter mit nach Tunesien zu bringen. Der zieht die frierende Obrigkeit magisch an sie übersieht dann alles andere. Warum schaut denn niemand mal richtig nach, so wie ein echter Zöllner es gelernt hat, und erwischt mich dabei, dass ich verbotenerweise 15 Liter besten sizilianischen Rotwein im Schrank gebunkert habe? Warum ich nicht ausladen würde, ich solle damit jetzt aber mal anfangen. Meine Antwort war dann immer: Non, je suis un touriste. Das sind alles meine effects personnel. Ja was ich hier denn dann überhaupt zu suchen hätte, hier würden doch nur die Commerçants überprüft. Die Touristen wären doch alle dahinten und schon fertig. Ich hatte aucune idee. Wahrscheinlich war ich nur dort, um mich bestens mit meinen Nachbarn zu unterhalten, die einen aus Algerien, wohin sie noch in der Nacht weiterfahren wollten, die anderen bis weit in den Süden des Landes. Alle erzählten mir hinter vorgehaltener Hand, dass dies hier alles Räuber seien und die Mafia. Viel Getuschel zwischen Zöllnern und den Ausgelieferten im Halbschatten zwischen ihren Autos schien das zu bestätigen. Man kam ja auch nicht raus, war zugeparkt und zugepackt und musste sich den Weg wieder hinaus erkaufen. Irgendwann, nach sechs Formularen kam dann Le Grand Chef zu mir um meine Graue Karte, also meine grüne deutsche Zulassung einzufordern und entschwand damit im Getümmel. Ich lief ihm hinterher und wollte sie wieder zurück fordern. Ich solle mich doch bitte noch etwas gedulden. Ein noch viel größerer Chef müsse erst vom Essen zurück sein, und dann sehe man weiter.
Ich hatte immer noch nichts ausgepackt. Oder gegessen, fiel mir dabei auf.
Der Ober-Ober-Chef erschien dann endlich mürrisch und kritzelte irgend etwas vermutlich Sinnloses hinten auf einen der vielen Zettel, die ich alle in der Kiste hatte und verschwand nach zehn Sekunden wieder, ohne mit mir zu sprechen oder michauch nur eines Blickes zu würdigen. Ma Carte Grise? Schlichtes Schulterzucken. Ich habe sie aber wieder gefunden. Ein Unterchef hatte sie zusammen mit vielen anderen in seiner Uniformjacke. Andere mussten dafür etwas bezahlen, das habe ich wohl gesehen, ich aber nicht.
Dann war ich abgefertigt und hätte fahren können, wenn da nicht noch alle anderen armen Teufel um mich herum gewesen wären, die ja noch alles ausgepackt hatten. Und so weiter und so weiter. Die Algerier neben mir waren dann auch fertig und konnten wieder einpacken, haben es aber nicht sofort geschafft, alle Klamotten in ihren rostigen Transit zurück zu stopfen. Die hatten sogar eine Parkkralle dabei, die immer wieder runterfiel. Nach vielen vergeblichen Versuchen und Zuknallen gaben schließlich die Scharniere der Heckklappe ihren Geist auf und der Transit sah irgendwie aus als hätte er dicke Backen bekommen. Zum Glück hatten sie eine Rolle durchsichtiges Klebeband dabei, also ein etwas besserer und breiterer Tesafilm. Ich war beeindruckt, wie toll das auf einem durchgerosteten und vollkommen verdreckten Transit hält. Das lege ich mir jetzt auch zu.
Nachdem der Transit dann schön zugeklebt war, konnten erst sie, und dann ich aus der Halle fahren. Völlig euphorisch wollte ich nun das Zollgelände schnell verlassen. Aber man ahnt es schon. Es waren noch genau zwei Stationen abzuarbeiten, die beide aber exakt und genau das gleiche erledigen mussten, nämlich mir das Permit de Conduire, also eine Art Carnet de Passage auszustellen. Dabei wurden alle die Papiere, dich ich in der Kiste hatte und von denen immer wieder behauptet wurde, dass ich sie auf keinen Fall für die Gesamtdauer meines Aufenthaltes in Tunesien verlieren sollte, komplett eingesammelt. Stattdessen erhielt ich nun zwei vollkommen unleserliche Ausdrucke aus einem Nadeldrucker ausgehändigt, die ich auf keinen Fall verlieren solle, und zwar für meinen gesamten Aufenthalt in Tunesien. Je te donne trois mois, ok? Das klang irgendwie nach einem Urteilsspruch. Na gut, musste ich ja wohl akzeptieren. Bonne route et aurevoir!
Ich habe es natürlich nicht glauben wollen, dass dies nun wirklich die letzte Station sein konnte, aber nachdem der allerletzte Polizist am Tor sich dann noch einmal die beiden Papiere zeigen lies, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass ich sie noch nicht verloren hatte, war es dann soweit und ich wurde in die afrikanische Wildnis entlassen.
Nun wollte ich endlich los und raus aus dem Hafen, wenigstens bis nach Hammamet, wo ich mir einen Stellplatz ausgesucht hatte.
Um aber wenigstens die ersten 20 Kilometer über die Autobahn fahren zu können, brauchte ich tunesische Dinare, denn soviel wusste ich, dass an der Peàge nur mit Bargeld bezahlt werden kann. Folglich musste doch nach Tunis rein und einen Geldautomaten finden. Mein Handy sollte mich da eigentlich gut hinführen können. Für das Navi konnte ich mir in Deutschland keine Karten für Tunesien laden, gab's keine. Also hatte ich mir ein paar Programme zur Offline-Navigation gekauft und auf's Handy geladen.
Rechts ran und Handy eingeschaltet, Datenroaming und mobile Daten ausgeschaltet und alle Apps durchprobiert. Nichts funktionierte. Dann ging die Tastatur nicht mehr. Ich konnte also nichts eintippen. Und das GPS war auch nicht mehr zu aktivieren. Und ständig poppten irgendwelche Fehlermeldungen auf. Datenroaming und mobile Daten wieder eingeschaltet, nichts. Dann ging es ganz aus. Na toll. Das Fahrzeugnavi zeigte mir eine Position irgendwo im Meer an. Das habe ich schnell wieder ausgeschaltet, damit von dort keine Häme kommen konnte. Also back to the roots und den Kompass aus dem Handschuhfach geholt, kurz orientiert und aufs Armaturenbrett gelegt. So bin ich dann in bewohnte Gegenden gelangt, denn zwischen dem Hafen und Tunis ist nichts. Der erste Geldautomat sprach nur Arabisch, der zweite konnte französisch und hat mir einen Packen Dinare spendiert. Keine Ahnung wieviele, waren alles sehr dreckige Scheine. Damit, und per Kompass weiter nach Südosten, bis die ersten Schilder nach Hammamet auftauchten und mich auf die Autobahn führten. Mittlerweile beschwerte sich die Tankuhr aber echt. Ich hatte in Palermo zwar noch für einen Zehner getankt, wollte nicht volltanken, um vom billigen Diesel hier zu profitieren, aber nach dem ganzen Herumgurken waren die paar Liter wieder futsch. Ich hatte aber Glück. Kurz vor der Auffahrt auf die Autobahn war da eine Tanke mit zwei glücklichen Warten, die mir den kompletten Tank für umgerechnet knapp 30€ gefüllt haben. Jetzt war es bis nach Hammamet leicht, nur unterbrochen von einzelnen Müdigkeitsanfällen, und verminderter Geschwindigkeit von 60Km/h, kannte die Verhältnisse ja nicht und wollte jetzt unter keinen Umständen einen Platten riskieren. Da lagen Bretter und Zeugs auf der Autobahn rum, die auch noch sehr wellig war. Aber ich kam ja gerade vom Schiff und da passte das irgendwie schon.
Die Lage des Stellplatzes konnte ich noch ungefähr in Erinnerung bringen, denn ich hatte mir alles gut vorher von oben angeschaut. Die erste Ausfahrt nach Hammamet war die falsche, wieder auf die Bahn, die zweite wäre richtig gewesen, habe sie aber aus Müdigkeit und wegen fehlender Beleuchtung total übersehen und musste dann noch mal zurück. Das waren nochmal 45 Km umsonst. Irgendwann hatte ich es dann und stand um 23 Uhr vor dem Hotel Samaris, das auch einen Campingplatz dahinter betreibt. Aber alle Schotten dicht. Ich habe gehämmert und geklopft, bis irgendwann ein vollkommen betrunkener Nachtwächter mit knallroten Augen aus dem Dunkel erschien und mich sofort herzlich umarmte. Mein Freund, meinte er, endlich bist du da (woher kannte er mich und wusste, dass ich hierhin wollte?), wollte sich nicht mehr von mir lösen und hat mich mit seinen Ausdünstungen fast erstickt. Nach mehreren Versuchen schaffte er es später, den zweiten Flügel des Tores zu öffnen, aber erst nachdem ich ihm durch ganz nahes Heranfahren klar gemacht hatte, dass der Wagen unmöglich durch die eine Öffnung von der Größe einer Haustür passen würde. Ich fuhr also durch die wirklich schöne Gartenanlage mit Olivenbäumen und Orangensträuchern im Standgas hinter ihm her. Es machte immer Plopp, wenn ich die überall herumliegenden Apfelsinen zum Platzen brachte. Dann hatte er sich verlaufen, war klar, und wir mussten wieder umkehren. Ich kannte mich inzwischen ganz gut aus und habe ihn einfach überholt. Seine Versuche, dann wieder an mir vorbeizueilen, scheiterten an schlechter Beinarbeit und endlich holte er mich doch ein, wo ich dachte dass es ein guter Platz für den Sprinter sei. War es auch. Da war er sehr glücklich und wollte mich wieder herzen aber ich war schneller und bin ihm ins Fahrhaus entwischt.
Am folgenden Tag habe ich die Gegend erkundet und mir alles im Hellen angesehen. Das Samaris liegt direkt an einem Kreisel und alles kreiselt herum, Menschen, Autos, Taxis, Busse, Mofas, Kinder, Bettler, Straßenhändler. Viele kleine Läden an den Straßenseiten, in denen man alles kaufen kann. Also für mich erst einmal ein billiges aber tolles chinesisches Smartphone und gleich daneben auch die passenden SIM-Karten für meinen Router. 25 GB pro Monat für 22 Dinare. Schnell zurück und eingerichtet. Ich bin wieder online in weniger als einer Stunde. Dann weiter, den ganzen Sack Wäsche zur Waschfrau, die ihre Dienste neben der Moschee anbietet. 22 Dinare. Dann zur Tanke am Kreisel, an der ich jedesmal vorbeilaufen musste. Dort haben sie eine Art Waschanlage. Ja, man hat Zeit, und ich habe gleich den Sprinter rüber geholt, der vom vielen Schlamm in Sizilien aussah wie eine Nilsau. Ich durfte derweil im Straßencafe zuschauen, wie die zwei Jungs ihn wunderschön eingeseift und abgewaschen, dann noch blank poliert haben. Kostet 22 Dinare. Was ist hier bloß los? Kostet denn alles 22 Dinare? Dann zum Eisenwarenhändler, einen neuen Riegel für die Tischarretierung gefunden. Kostet 2 Dinare. Na also. Serie gebrochen. Dann einen Ziegenburger, kostet 2 Dinare. Dann noch einen Kaffee. Kostet 1 Dinar. Jetzt wird's billiger. Dafür fängt es an zu nieseln, und ich fühle mich nun erst richtig wohl. Alle Touristen sind bestimmt am Strand von Hammamet, der sehr schön sein soll, interessiert mich gar nicht. Ich suhle mich im Dampf des Asphalts, der vor den Autowerkstätten schwarz vom Altöl ist und vor den kleinen Restaurants vom Hühnerfett glitscht. Dazu eine warme Cola, besser geht's nicht. Der Muhezzin ruft mich irgendwann zu Bett und ich versuche den Bürgersteig zu benutzen, den seinen Namen zu Recht verdient hat, weil man darauf immerzu über alles mögliche steigen muss.
Morgen hole ich meine Wäsche ab und fahre weiter in die geheimnis- und verheißungsvolle afrikanische Ferne.
Das hört sich alles spannend an! Du bist angekommen!:-)
AntwortenLöschenDanke dir! Wenn ich nur immer wüsste, wer hier kommentiert...
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