Warum bin ich eigentlich hier in Calabernardo?

Zufälle gibt es, die gibt es gar nicht, oder nur bei der Kellertür, behauptet der Metaphysiker. Von mir aus gesehen ist das die Tür zur benachbarten Pizzeria. Ich hatte wieder Hunger auf eine gute Pizza. Die schmeckt im L'Ulivo nebenan noch viel besser als im Stadtcafé in Beuel, das schon seit vergangenem September mein Stammlokal geworden war, eben wegen der guten Pizza und des sizilianischen Weins, den es dort gibt. Für mich waren die Besuche im Stadtcafé ein Teil der Vorbereitung auf die Reise geworden. Dass meine Versuche von der Belegschaft völlig ignoriert wurden, mich mit meinen paar Brocken Italienisch hervorzutun, kann ich heute besser einordnen als damals. Die verstanden nämlich nur sizilianisch. Aber das kommt später.
A. und seine Leute hatten mich bald bereits von der Straße aus erkannt und wie einen alten Bekannten gegrüßt und immer den besten Platz zugewiesen.

Mein Reiseziel auf Sizilien hatte ich fast willkürlich gewählt. Der letztlich auserkorene Ort schien mir wegen seines Namens durchaus passend.

Das kleine Restaurant 'Ulivo liegt nun in Sichtweite zu meinem Stellplatz in Calabernardo und sein Pizzaofen wird mit Olivenholz ungefähr eine halbe Stunde vor Öffnung des kleinen Restaurants angefeuert. Wenn dort die Rauchsäule aufsteigt weiß ich: Habemus Pizzam. Ich trinke gewöhnlich erst einmal einen Aperitivo vorweg. Den nimmt man in der Bar ein, die ganz praktisch direkt daneben angebracht ist. Für mich ist weniger der Aperitif der Grund früher zu erscheinen, vielmehr versüßt mir die Wartezeit auf die Pizza das Erlauschen der hiesigen Mundart und die uderzischen Physiognomien der Kundschaft, die hier zum Feierabend für einen Espresso und Panini eintrifft. Gelegentlich kann ich dann mein eigenes Mischmasch aus Latein, Französisch und Spanisch loswerden, was interessanterweise problemlos verstanden und dann berichtigt wird. Ob ich dabei tatsächlich in Richtung Hochitalienisch belehrt werde, bezweifle ich stark und ist mir egal.
So auch an diesem Abend. Der rauchende Herr am Tresen schien mir ein geeignetes Opfer zu sein und ich kam mit ihm bei einer Zigarette gleich ins Gespräch. In der Bar des Ulivo wird drinnen geraucht, wobei dort drinnen und draußen fast dasselbe ist. Schnell erfahre ich dann, dass er der Verwaltungsleiter der Grundschule hier ist und vor längerer Zeit einmal in Bonn gelebt hatte. Sein Gemisch aus seltsamen deutschen Ausdrücken und sizilianischem Dialekt macht unser Gespräch nicht wirklich einfach. Ich verstehe immerhin, dass er nicht in Bonn direkt, sondern in Beuel gelebt hat und dort in der Friedrich-Breuer-Straße. Sein Neffe sei der Besitzer einer Pizzeria dort. Ach ja, und das heißt sicher Stadtcafé, und sein Besitzer heißt A., entgegne ich. Völlig perplex bestellt er uns erst einmal einen weiteren Klebstoff und bietet mir eine von seinen MS an. Sie seinen eine große Familie und stammten ja alle von hier, eben aus Calabernardo. A. sei dann aber mit Frau und Kindern in Beuel geblieben. Für ihn sei die Anstellung als Schuladministrator und die Aussicht auf baldige Rente günstiger gewesen. Freude kommt auf.
Alle weiteren Ereignisse entfalten sich dann in logischer Reihenfolge: Rein in seinen kleinen Opel, einige Textnachrichten mit der linken Hand, die rechte am Schaltknüppel, das Lenkrad steht zum Glück auf Autopilot, dabei wiederholtes Anhalten, nicht um besser zu texten - das macht er besser während der Fahrt - sondern um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, dass er hier jemanden hat, der seinen Neffen kennt. Dann weiter texten/fahren bis zu einer anderen kleinen Bar direkt am Hafen von Calabernardo. Das sind zwar nur knappe 500 Meter, dafür benötigen wir aber über 30 Minuten. Dort treffen exakt zeitgleich mit uns mehrere Fahrzeuge mit deutschen, italienischen und sogar einem spanischem Kennzeichen ein, denen freudig grüßend der Rest der Verwandtschaft plus Nachbarn entsteigen. Anschließend treffen Biere, diverse Nahrungsmittel, Kinder und weiterer Klebstoff in irrwitziger Abfolge und Geschwindigkeit ein. Ich lerne nun weder Italienisch, die lokale Esskultur oder interessante Geschichten kennen, auch will irgendjemand etwas von mir wissen. Ich bekomme dafür eine Rolle als Zuschauer auf dem Plastikstuhl in der ersten Reihe. Alle reden zwar nicht laut, dafür aber gleichzeitig auf Sizilianisch, Bayrisch, Spanisch und ja, Bönnsch miteinander. Ich höre zu und verstehe das Meiste sogar. Noch mehr Bier und kleine Häppchen für alle. Später müssen zuerst die Kinder und deren Mütter, dann auch die Opas zum Essen (!) nach Hause. Väter sind gar nicht dabei, wie ich jetzt feststelle. Die seien alle im Norden Italiens und Deutschland zum Geldverdienen. Fotos vom Papa werden auf den Handys gesucht und nicht gefunden. Sicherlich reden die Väter fern der Heimat dort in diesem Augenblick auch alle durcheinander und suchen Fotos auf ihren Handys, denke ich.
Mein Kopf droht sich nun vom Körper zu lösen. Ich signalisiere dem Onkel mehrere Male vergeblich nach Hause zu müssen. Ich kann nicht noch mehr essen und trinken. Dann sind plötzlich nur noch der Onkel und ich die einzigen Gäste. Als ich irgendwann aufstehe und mich verabschieden will, wehrt er entschieden ab und verspricht mir eine bequeme Heimfahrt im Opel, zu Fuß laufen ist doch viel zu weit, aber erst sollten wir doch noch ein Bier trinken. Ich bin zu schwach das zu verhindern und willige ein. Es bereitet dem lieben Schulverwalter dann einige Schwierigkeiten den Opel zu starten. Der sei noch neu und das Auto kenne er nicht so genau. Schließlich klappt es aber und wir fahren mit völlig benebelten Scheiben los. Das Meer hat in den letzten Stunden viel Feuchtigkeit über den kleinen Opel gelegt. Oder sind es unsere Köpfe? Der Opel hat leider keinen Knopf für die Scheibenwischer, dafür aber elektrische Fensterheber, erklärt der Onkel stolz. Mit dem Kopf aus dem Seitenfenster fährt er mich die 500 Meter zurück zu meinem Stellplatz. Es dauert dann aber doch länger, denn ich muss im Ulivo erst noch die Aperitivos von vorhin bezahlen. Das hatte ich bei dem überstürzten Aufbruch ganz vergessen, fällt mir jetzt ein. Dann bereue ich es aber sofort, denn der Onkel nimmt das zum Anlass, dort noch einen weiteren Aperitif für uns zu bestellen.
Zu guter Allerletzt opelt er mich die letzten 15 Meter zum Tor meiner Zuflucht. Er versucht vergeblich bei laufendem Motor (der Wagen startet so schlecht) und offenen Fenstern (warum hat der Opel keinen Knopf für die Wischer?) meine Telefonnummer in sein Handy einzutippen, schafft es trotz mehrerer Versuche aber nicht. Beim Testen ruft er immer irgendwelche anderen Leute in Deutschland an, die dann schimpfen, ist ja auch schon spät. Ich übernehme das dann und wir verabschieden uns unter Tränen wie vor einer Überseereise.
Das Tor zu meiner Oase ist dann unüberwindbar, bis ich endlich feststelle, dass es gar nicht verschlossen ist.

Kommentare

  1. Beuel ist wie es scheint überall ;-)

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  2. Offensichtlich ist das so. Solltest du in der nächsten Zeit mal im Stadtcafé essen gehen, bestelle da mal schöne Grüße von mir aus Calabernardo!

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